Sigrun Hegenbarth-Eimer interviewt Wilfried Schwark
12.11.2009
Sigrun Hegenbarth-Eimer interviewt Wilfried Schwark
Quo vadis Brjansk? Willi, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es den Waisenkindern in Shukovka?
Dies ist immer auch die erste Frage, die ich nach meiner Ankunft in Brjansk unserer Koordinatorin Inna und auch dem Schulrektor Sascha und der Hochschullehrerin Irina stelle. Und darauf vorbereitet sprudelt es dann unter Zuhilfenahme ihrer Tagebücher nur so aus ihnen heraus: Den Kindern gehe es gut. Sie bedauerten den Ausfall der Ferien in Hameln; die Großen zeigten Verständnis für den staatlich verordneten Absagegrund...
Das war die Schweinegrippe
Natürlich, so Inna, vermissten sie auch alle die vielen Geschenke und die vollen Koffer mit Kleidung. Letztere ist mal wieder rar, dieweil das Budget ebenso wie für Lebensmittel zurzeit wieder auf Sparflamme brennt.
Dies sind Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise, die auch vor Russland nicht Halt gemacht hat. Welche weiteren Auswirkungen hat sie auf das Waisenhaus?
Der Staat schließt eine Einschränkung oder ein Ruhen der monatlichen Gehälter für Erzieher und Lehrer nicht mehr aus.
Was können wir für unsere Patenkinder konkret tun?
Wir sollten ihnen zeigen, dass sie uns in diesem Jahr zwar aus den Augen, keinesfalls jedoch aus dem Sinn sind. Viele der Patenkinder vermissten auf unserer Herbstfahrt einen Brief, vielleicht auch ein kleines Päckchen von ihren Paten in Deutschland; die leer ausgehenden Kinder waren schon erkennbar enttäuscht.
Wie seid ihr vor Ort damit umgegangen?
Ich mache mir jedes Mal wieder Gedanken, ob nicht der Verein allen nicht bedachten Kindern ein kleines Geschenk mitbringen sollte. Ich wünschte mir aber schon ein erkennbares, begleitendes Interesse der Paten überhaupt, da insbesondere der Pflege übernommener Patenschaften und auch der Übernahme neuer Patenschaften nach wie vor eine substanzielle Bedeutung in unserem Verein zukommt.
Das fällt nicht allen leicht angesichts der Missverständnisse, die immer mal wieder im Kontakt mit Valentina „Boss“ (Leiterin des Waiseninternats Shukovka) auftreten.
Was motiviert denn die Mitglieder dazu, weiterzumachen?
Die Kinder! Die Kinder, die uns mit leuchtenden Augen willkommen heißen, auf die Patenpost warten und sich auf ihre Hamelnreise freuen. Ebenso die zahlreichen Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die uns tief freundschaftlich verbunden sind und die uns wissen lassen, wie sehr sie sich eine weitere Zusammenarbeit wünschen.
Ein Wort zum Krankenhaus. Welche Auswirkungen der Krise sind dort zu spüren?
Dr. Alexander Tschislin, der Chefarzt unseres Partnerkinderkrankenhauses, klagt weniger über ein verringertes Budget für die Verpflegung der Kinder als vielmehr über drastische Einsparungen im Medikamentenbudget. Der in diesem Jahr bewilligte Etat war im Oktober bereits nahezu aufgebraucht; unser Zuschuss aus der Vereinskasse half, die größte Not zu lindern, will heißen, lebensnotwendige kostenträchtige Medikamente anschaffen zu können. Hierbei können wir auch zukünftig aus zollrechtlichen Gründen nur mit Barmitteln vor Ort helfen.
Gibt es auch Erfolge zu verzeichnen?
Ja! Der durch den Verein aus Weihnachtsmarktmitteln 2008 und den Einnahmen aus den Konzerten des Brjansker Akademischen Chores finanzierte Inkubator (Brutkasten) ist seit August dieses Jahres in Betrieb. Allerdings sind weitere acht bis zehn solcher „Lebensretter“ noch erforderlich, um den vielen „Frühchen“ das Überleben zu sichern. Für deren Anschaffung steht noch immer kein Geld zur Verfügung. Die „Frühchen“, für die kein Platz in einem der Inkubatoren ist, werden nach wie vor in einem einfachen Wärmekasten mit dem ungleich höheren Gesundheitsrisiko behandelt.
Wie weit ist eigentlich der Bau des Kinderkrebszentrums gediehen?
Der hat erfreuliche Fortschritte gemacht. Unser Verein hatte vor einigen Jahren auf Initiative von Erika Freund einen nicht unerheblichen Starthilfebeitrag vermittelt. Allein die reinen Rohbaukosten sind durch den Staat finanziert; die Einrichtungs- und Ausstattungskosten bedürfen nach Einschätzung des Chefarztes einer länger- bis mittelfristigen wirtschaftlichen Erholung Russlands.
Da wäre noch die Gebietsverwaltung. Welche Rolle spielt sie für unsere Arbeit?
Also, die Gebietsverwaltung ist für uns als Verein nur in einem einzigen Punkt von Bedeutung: Sie nimmt die staatliche Aufsicht über die Waiseninternate des Gebietes wahr und kontrolliert, lenkt und fördert(!) in dieser Funktion die Zusammenarbeit mit ausländischen Sponsoren und erteilt die Besuchsgenehmigung (Oder auch nicht!). Einzelheiten dieser Zusammenarbeit und die Inhalte sind in einer Vereinbarung niedergeschrieben, die gegenseitige Ansprüche und Verpflichtungen formuliert. Das läuft unter russischen Verhältnissen und personenabhängig relativ reibungslos.
Werfen wir zum Abschluss einen Blick in die Zukunft. Hat der 1. Vorsitzende Visionen zur Entwicklung der Vereinsarbeit und zum Engagement in Brjansk?
Und ob! Und das ist auch meine Aufgabe, so wie ich sie verstehe. Denn ich habe nicht nur die sich satzungsgemäß entwickelnde und gewollte Arbeit fortzusetzen, sondern auch in die Zukunft zu schauen, neue Wege aufzuzeigen. Erste Schritte sind bereits mit Unterstützung des Vorstandes und zahlreicher Mitglieder gegangen; beispielhaft erwähne ich die Erweiterung der Satzung auch hin zu sozialem Engagement in der Unterstützung junger Menschen nach Auszug aus dem Waiseninternat und die Ausstattung des Waiseninternates mit neuen Medien. Weitere Schritte müssen jetzt auch das Nachdenken darüber einbeziehen, ob der Anfang der neunziger Jahre formulierte Vereinszweck „Unterstützung tschernobylgeschädigter Kinder“ in dieser Ausschließlichkeit noch zeitgemäß ist. Haben sich die Gründungsmitglieder und die vielen Hinzugekommenen damals von diesem Grundsatz leiten lassen, so können wir doch heute, 22 Jahre nach Tschernobyl, nicht die Augen davor verschließen, dass sich zum einen in Russland sehr vieles auch zum Guten verändert hat (ich bin in der letzten Ausgabe der Vereinszeitung darauf besonders eingegangen) und zum anderen, dass es in Russland, wie übrigens an vielen Orten der Erde und auch bei uns vor der Haustür, unbeschreibliche, individuelle Not gibt, die es zu mildern gilt.
Die Frage ist doch aber, ob dieses sich wandelnde Russland unsere Hilfe überhaupt noch braucht!
Unser Verein Freunde für Kinder in Brjansk hat sich seinerzeit den Kindern im Brjansker Gebiet verschrieben; der Aufhänger war die Tschernobylkatastrophe. Ich sehe keinen Anlass, vom Grundsatz her sich unter veränderten Bedingungen anders zu orientieren, weder heute noch in den kommenden Jahren. Und wenn wir über unsere Hilfe für Kinder in Not in Brjansk, Russland, hinaus damit zugleich einen Beitrag zur Freundschaft, zur internationalen Verständigung, zur Friedensarbeit zu leisten im Stande sind, dann sind wir meiner persönlichen Vision, meinem Traum ein gutes Stück näher gekommen. Dazu bitte ich um die Unterstützung der Vereinsmitglieder.
Es gibt Mitglieder, die das nicht mittragen wollen…
Ich weiß, dass dieser Weg nicht von allen mitgegangen wird, weil nicht alle diesen neuen Weg mitgehen möchten, sich anders orientiert haben, einen anderen Weg gehen wollen. Respekt all denen, die in der Lage sind, sich an den Stammtischrunden, in der Mitgliederversammlung oder anderswie entsprechend zu äußern und dem neuen Weg vielleicht eine Chance geben. Danke aber auch all denen, die sich bereits entschieden haben, nicht mehr mitgehen zu wollen, für ihr bisheriges Engagement zu Gunsten unserer Brjansker Kinder.